1945

Nach den schrecklichen Jahren der nationalsozialistischen Diktatur waren Deutschland und Europa nicht mehr wiederzuerkennen. In den letzten Monaten des Krieges erreichten US-Truppen Zella-Mehlis und lagerten vor der Stadt. Der Bürgermeister sandte daraufhin eine Abordnung von Palamentären zu den Amerikanern, die um Schonung bitten sollten. Angeführt wurde diese Gruppe von Max Anschütz, denn er besaß umfassende Englischkenntnisse. Mit erhobenen Armen und einer weißen Fahne traf er am Ruppberg auf die amerikanischen Truppen. Das erste Ergebniss der Mission: Zwei US-Soldaten nahmen ihm seine Uhr ab. Dennoch wurde erfolgreich verhandelt und die Amerikaner marschierten kampflos am 4. April 1945 in Zella-Mehlis ein und besetzten die Stadt.

Zerstörung wie diese blieb Zella-Mehlis erspart. Zu sehen ist das zerstörte Zeiss-Werk in Jena, 1945
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriffe_auf_Jena

Bald darauf stellten sich die Weichen für eine neue Zukunft. Da nach der Konferenz von Jalta im Februar 1945 Thüringen zur sowjetischen Besatzungszone gehörte, mussten die Amerikaner Zella-Mehlis wieder verlassen. Das örtliche industrielle Know-how wollten sie aber nicht den Kommunisten überlassen. Deswegen starteten sie am 01. Juli, kurz vor dem Eintreffen der roten Armee, eine großangelegte Evakuierungsaktion. Darunter waren Namen wie die Waffenhersteller ANSCHÜTZ, Walther und Krieghoff – heute in der Nachbarschaft zu Anschütz im Ulmer Industriegebiet Donautal – sowie die Werkzeugbauer Röhm und Schilling und die bekannte Firma Zeiss aus Jena.

Der damals 15 Jahre alte Dieter Anschütz erinnert sich: „Ein US-Militärlastwagen fuhr an unserer Wohnung im alten Fabrikgebäude vor, in dem wir gerade wieder eingezogen waren. Wir wurden aufgefordert, mit unserem damaligen Betriebsleiter Schlegelmilch und unserem Konstrukteur Eberwein innerhalb von zwei Stunden bereit zu sein, Zella-Mehlis zu verlassen und in die amerikanische Besatzungszone gebracht zu werden.“

Zwei Tage später, am 03. Juli 1945, marschierten dann die ersten sowjetischen Soldaten in Zella-Mehlis ein. Der in der Stadt gebliebene Rudolf Anschütz erlebte nach 1945 die ausschließlich negativen Auswirkungen und Sanktionen der nun herrschenden Kommunisten. Am 13. März 1946 begann die vollständige Demontage der Fabrik in Zella-Mehlis und Maschinen und Zubehör verschwanden auf Nimmerwiedersehen in die Sowjetunion. Ende Dezember 1947 war die Demontage beendet und das Bestehen der Firma J. G. ANSCHÜTZ Germaniawaffenwerk AG endete schließlich mit der Löschung des Unternehmens aus dem Handelsregister von Zella-Mehlis am 12. April 1949.

Rudolf Anschütz wurde nach Enteignung und Demontage des ANSCHÜTZ-Werkes in Zella-Mehlis als Waldarbeiter zwangsverpflichtet, um 1946

Max Anschütz und seine Familie wurden von den Amerikanern zusammen mit anderen evakuierten Thüringern erst in einer leeren Polizeischule in Heidenheim an der Brenz untergebracht und ein paar Wochen später auf die umliegenden Dörfer verteilt. So kam die Familie nach Gerstetten auf der Schwäbischen Alb zur Familie Eberle, die früher sogar einmal ein Kunde des Germaniawaffenwerks gewesen war. In dieser Zeit verdingte sich Max Anschütz bei befreundeten Bauern als Landarbeiter und wurde in Naturalien entlohnt.

Damit konnte er sich natürlich nicht zufrieden geben und so zog er mit seiner Familie nach Heidenheim. Dort startete er einen Neuanfang mit dem Nachschärfen von gebrauchten Rasierklingen. Zusammen mit einem alten Schulkameraden, der sich ebenfalls in Heidenheim niedergelassen hatte, fertigte er unter dem Markennamen AGMA Tabakspfeifen und andere Raucherutensilien aus Holz. Nach der Währungsreform waren diese Produkte jedoch schnell nicht mehr konkurrenzfähig und er verlegte sich auf den Handel mit Damenstrümpfen. 

Tabakspfeifen der Marke AGMA, ca. 1947

Rudolf Anschütz blieb noch bis 1947 in Zella-Mehlis, wo er die Demontage des ehemaligen Familienbetriebes mitansehen musste. Er war dort in den Jahren nach dem Krieg als Waldarbeiter zwangsverpflichtet worden. Dies hatte zumindest den Vorteil, dass er von den abgelegenen Waldgebieten in den Westen fliehen konnte. So kam er nach Königsbronn (ebenfalls in der Region Heidenheim), wo er in der Werkzeugfabrik von Arthur Schilling Unterkunft und Arbeit fand. 

Zeugnis von Max Keiner zu seiner Freilassung aus dem KZ Buchenwald durch Max und Rudolf Anschütz, August 1946

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