1955

Mit der Produktion in den neuen Fabrikhallen im Ulmer Donautal trat das Unternehmen in die Industrialisierung des Waffenbaus ein. Rodolf Anschütz startete hier mit der Produktion von Luftpistolen. Dabei wurde er von Hermann Wild und Heinz Munk unterstützt, die ebenfalls aus Zella-Mehlis stammten und mit ihren Familien aus der russischen Zone in den Westen geflüchtet waren. Hermann Wild arbeitete als Betriebsleiter und entwickelte die weltberühmte Innengeometrie der ANSCHÜTZ-Gewehrläufe mit. Heinz Munk sorgte als Leiter der Qualitätssicherung für den guten Ruf der ANSCHÜTZ-Produkte. Beide sollten erst bei ihrer Pensionierung aus dem Unternehmen ausscheiden.

Rudolf Anschütz und ein Mitarbeiter bei der Tieflochbohrung, ca. 1955

Das Fabrikgelände im Donautal. Es konnte am 10. Februar 1958 der Stadt Ulm abgekauft werden. Das Bild entstand 1965

Unter der Leitung von Max und Rudolf Anschütz erreichte das Unternehmen schon bald wieder den hervorragenden Ruf, den es auch bereits in den fast 90 Jahren in Zella-Mehlis genoss. Die Markteinführung des heute legendären Match54 hatte daran gewiss seinen Anteil. Mit diesem Kleinkaliber-Gewehr erzielten Schützen auf der ganzen Welt bald internationale Erfolge. Auch die Bundeswehr nutzte es damals als Trainings-Gewehr. Das System wird auch heute noch in den Kleinkaliber-Matchgewehren 1907 und 1913 verbaut, sowie in den Kleinkaliber-Jagdgewehren 1710 und 1712.

Das legendäre Match54 Kleinkaliber-Gewehr wurde ab 1956 gefertigt.

Einer dieser Schützen war Max Schmeling, ehemaliger Box-Weltmeister im Schwergewicht und Mitglied der deutschen Nationalmannschaft im Tontaubenschießen. Er gilt bis heute als einer der größten Sportler Deutschlands. Als Sportschütze und Jäger waren ihm ANSCHÜTZ-Gewehre ein Begriff und er kaufte einige Gewehre direkt in Ulm ein. Deutschlands damaliges Sportidol Nr. 1 hatte anscheinend auch eine kreative Ader, denn er empfahl das ANSCHÜTZ Logo doch etwas dynamischer zu gestalten. So wurde aus der „nichts aussagenden Tablette“ ein Dreieck, verbunden mit einem Zeichenlineal stilisiert mit dem Namen ANSCHÜTZ im Vordergrund.

Max Schmeling (links) im Gespräch mit Dieter Anschütz (rechts), 1955. Er regte die Neugestaltung des Firmenlogos an. Es sollte in dieser Form bis 1984 bestand haben.

Nach der Lehre zum Feinmechaniker und dem Studium zum Ingenieur der Feinwerktechnik wollte Dieter Anschütz jenseits des „großen Teichs“ berufliche Erfahrung sammeln. Daher ging er im Januar 1957 in die USA. Er war der Erste in der Familie der Erfahrungen zur Führung des Traditionsunternehmens in diesem Land sammelte. Von Rotterdam aus schiffte er sich nach New York ein. Nach einer einwöchigen, stürmischen Überfahrt war er froh, endlich die Freiheitsstatue bei der Einfahrt in New Yorks Hafen erblicken zu können. Abgeholt wurde er vom Finanzchef von Firearms Intarnational, der ihn nach Washington D. C. brachte. Obwohl der schreckliche zweite Weltkrieg erst vor zwölf Jahren endete, war Dieter Anschütz von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Amerikaner sehr beeindruckt.

Dieter Anschütz in seiner Büchsenmacherwerkstatt bei Firearms International in Washington D. C., 1957

Dieter Anschütz (rechts) vor dem Kapitol in Washington D. C. mit Rudolfo Borchers, seinem Mitbewohner, 1957. Der Deutsch-Spanier wurde später mit der ANSCHÜTZ-Vertretung in Spanien betraut.

Danach zog es ihn nach New Haven in Conneticut, dem Sitz der weltbekannten Firma Winchester. Dort wollte er weitere Erfahrungen sammeln, doch die schlechte Konjunkturlage machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Nach einer Station in North Haven, Conneticut bei Jefferson Corporation zog er schließlich nach Kalifornien. Dort besuchte er einige ANSCHÜTZ-Kunden, wie die Firma Solingen Cutlery, die regelmäßig in großer Stückzahl Flobertgewehre von ANSCHÜTZ importierte. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland übernahm er den Einkauf und die Schützenbetreuung im elterlichen Betrieb. Enge Bindungen zum internationalen Schießsport sowie ein schon sprichwörtliches ANSCHÜTZ-Serviceangebot bei fast allen sportlichen Großveranstaltungen weltweit sind seit Dieter Anschütz Markenzeichen dieses Unternehmens.

Dieter Anschütz (links) mit James Hill beim Service am Schießstand der Weltmeisterschaft in Kairo 1962. Hill gewann später die Bronzemedaille in der Disziplin 50m liegend Herren.

Während Dieter Anschütz in den USA Berufserfahrung sammelte, war der US-Soldat Bill Krilling in München stationiert. Er wurde Mitglied der Königlich Priviligierten Hauptschützengesellschaft München und hörte dort zum ersten Mal von ANSCHÜTZ. 1957 kaufte er sich ein ANSCHÜTZ-Gewehr und nahm es mit in die USA. Die Erfolge, die er mit diesem Gewehr dort bei Wettkämpfen erzielte, ließen Amerika aufhorchen. Ein Freund Bills war sogar so beeindruckt, dass er ihm das Gewehr unbedingt abkaufen wollte. Es wechselte also den Besitzer und verbreitete in den Vereinigten Staaten den legendären Ruf der Match-Gewehre aus Ulm. Krilling kaufte sich ein neues ANSCHÜTZ-Gewehr, mit dem er in Wiesbaden bei den Weltmeisterschaften 1966 den Weltmeistertitel in der Disziplin Liegend Mannschaft gewann. Später wurde er Trainer der US-Nationalmannschaft und schrieb Dieter Anschütz einen Dankesbrief. Darin heißt es: „ANSCHÜTZ-Matchgewehre sind immer noch die besten Gewehre der Welt. Ich möchte mich bei dir, Dieter, für die herausragende Unterstützung des amerikanischen Teams und des Schießsports bedanken. Ich glaube, dass ohne die Familie Anschütz der Schießsport nicht das wäre, was er heute ist. Durch das hohe ANSCHÜTZ-Niveau wurden auch andere Hersteller gezwungen, ihren Qualitätsstandard anzuheben.“

Dieters Frau Elfi Anschütz mit Bill Krilling bei der 44. Weltmeisterschaft in Suhl, 1986

Die 60er Jahre leiteten einen Medaillenregen für ANSCHÜTZ ein. Bei jeder Großveranstaltung fand man ANSCHÜTZ-Schützen auf den Podesten. 

Die drei ersten Medaillengewinner mit einem ANSCHÜTZ-Gewehr bei den olympischen Spielen 1960 in Rom. Gold ging an den Deutschen Peter Kohnke, Silber an den Amerikaner Jim Hill und Bronze an Enrico Forcella aus Venezuela.

Bei den olympischen Spielen in Rom gewann der Deutsche Peter Kohnke nach einem spannenden Match mit 590 von 600 möglichen Ringen Gold in der Disziplin Englisch Match. Damit ist er der erste Goldmedaillengewinner mit einem ANSCHÜTZ-Gewehr bei den olympischen Spielen. Sowohl Kohnke als auch die zweit- und drittplatzierten Jim Hill und Enrico Forcella schossen mit dem ANSCHÜTZ Match54. Diese Erfolge brachten eine enorm hohe Nachfrage für das Kleinkaliber-Matchgewehr mit sich. „Wir hatten noch während der olympischen Spiele täglich Luftfrachtsendungen aus Ulm und außergewöhnliche Verkaufserfolge zu verzeichnen.“ erinnert sich Dieter Anschütz. Auch bei den Spielen in Tokio 1964 und Mexico City 1968 rissen die Erfolge nicht ab und der Medaillensegen ging weiter. Alle Medaillen die mit einem Kleinkalibergewehr gewonnen werden konnten, wurden mit dem ANSCHÜTZ Match54 gewonnen.

Peter Kohnke mit seinem ANSCHÜTZ Match54 bei den olympischen Spielen in Rom, 1960

Aus einer gewachsenen Tradition ist Deutschland seit Jahrhunderten schon eine große Schützennation. Als der Deutsche Schützenbund nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründet wurde und Dieter Anschütz die Schützenbetreuung seiner Firma übernahm, verband ihn ein freundschaftliches Verhältnis mit den Gewehrschützen der Deutschen Nationalmannschaft. Darunter war auch der ausgezeichnete Liegendschütze Karl Wenk. Dieser war eigentlich vorgesehen, den olympischen 60 Schuss-Liegendwettbewerb in Rom mitzubestreiten. Er verzichtete allerdings zugunsten von Peter Kohnke, der im Training großartige Ergebnisse erzielte und später auch die Goldmedaille gewinnen sollte. Dadurch blieb er Dieter Anschütz bis heute als großartiger und fairer Sportsmann in Erinnerung. Wenks große Chance kam zwei Jahre später bei der Weltmeisterschaft 1962 in Kairo, wo er sich in den Disziplinen des Dreistellungskampfes liegend und kniend je einen Weltmeistertitel erkämpfte.

Karl Wenk gewinnt bei den Weltmeisterschaften in Kairo 1962 gleich zwei Weltmeistertitel.

Lones Wigger (links) und Gary Anderson bei den olympischen Spielen in Tokio 1964

Zwei amerikanische Schützenlegenden. Bereits bei der Weltmeisterschaft in Kairo gewann Gary Anderson mit seinem ANSCHÜTZ-Gewehr fünf Titel, vier davon in Einzelwettbewerben. Dabei stellte er ganz nebenbei noch drei Weltrekorde auf. Bei den olympischen Spielen 1964 in Tokio, gewann er in der Disziplin „Freies Gewehr Dreistellungskampf 300m“ die Goldmedaille mit 1153 Ringen – Weltrekord! Diesen steigerte er bei den olympischen Spielen 1968 in Mexico-Stadt sogar auf 1157 und gewann erneut Gold.

Lones Wigger trat nach seinem Schulabschluss der US-Armee bei und wurde einer Scharfschützeneinheit zugeteilt. 1964 besuchte Wigger bei einem Trainingsaufenthalt in Europa die Firma ANSCHÜTZ und kaufte sich ein eigenes Gewehr. Mit diesem qualifizierte er sich für die olympischen Spiele in Tokio, wo er in der Disziplin „Kleinkaliber Dreistellungskampf 50m“ die Goldmedaille und in der Disziplin „Kleinkaliber liegend“ die Silbermedaille gewann.

Nachdem Schieß-Weltmeisterschaften mit dem Kleinkalibergewehr in verschiedenen Disziplinen schon seit 1897 stattfanden, war es 1966 auch endlich für das Luftgewehr soweit. Die erste Luftgewehr-Weltmeisterschaft fand im deutschen Wiesbaden statt. Der ebenfalls deutsche Gerd Kümmert wurde mit seinem ANSCHÜTZ Modell 220 mit 387 Ringen Erster – zusammen mit drei anderen Schützen. Den noch am gleichen Tag stattfindenden Finalwettkampf über 20 Schuss entschied er mit 187 Ringen für sich und war damit der erste Luftgewehr-Weltmeister überhaupt. Der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke verlieh ihm dafür die höchste sportliche Auszeichnung der Republik, das Silberne Lorbeerblatt. Vize-Weltmeister wurde der Schweizer August Hollenstein mit seinem ANSCHÜTZ Modell 220/250.

Gerd Kümmert und sein ANSCHÜTZ Modell 220 bei der ersten Luftgewehr-Weltmeisterschaft in Wiesbaden, 1966

Der zweitplatzierte August Hollenstein (links) gratuliert Gerd Kümmert (rechts) zum Gewinn der ersten Luftgewehr-Weltmeisterschaft. Dazwischen steht Rudolf Anschütz, 1966

August Hollenstein mit seinem ANSCHÜTZ Modell 220/250 bei der ersten Luftgewehr-Weltmeisterschaft in Wiesbaden, 1966

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